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“Wer die jüdische Genesis liest, kommt unausweichlich zu dem Eindruck, daß dieser Gott gewonnen haben muß: Wer so geschaffen hat, liegt insgesamt vorne. Bloß die Tatsache, daß der Gott der Juden für seine Weltschöpfung eine babylonische Woche Zeit in Anspruch nimmt, behält eine tückische Implikation, denn sie läßt erkennen, daß er sich zwar mit Erfolg darum bemüht, sein eigenes Universum samt allen Kreaturen hervorzubringen, sich aber dem Arbeitsrhythmus der verhaßten falschen Götter unterworfen hat – er erschafft seine Welt nach dem allmächtigen babylonischen Kalenderschema. Die Woche ist das babylonische Monopol, an dem die Vorrangsansprüche der späteren Überbietungsmonotheismen zerschellt sind. In kultischer Hinsicht bleiben Juden und Christen durch ihren Gebrauch der Woche orientalische Septemtheisten. Sie glauben schließlich doch mehr an die Sieben als an die Eins und pilgern viermal im Monat, gelangweilt, aber bis ins letzte überzeugt, durch die Allee der Wochentagsgötter, um zuletzt vor ihrem Sonntagsherrn den Hut zu ziehen.”

Peter Sloterdijk, Sphären Bd. 2 – Makrosphärologie, Globen, Ffm 1999, p. 290f.

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